Montag, 13. Februar 2017

Der Hunger - Produkt eines kriminellen Wirtschaftskreislaufs

von 

aus dem Spanischen von

Sabine Giersberg und Hanna Grzimek

Suhrkamp

 http://www.suhrkamp.de/cover/640/42512.jpg
suhrkamp.de

 Zitat:

Alle zwölf Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung.
  • Das sind drei Millionen Kinder im Jahr. 
  • Insgesamt knapp neun Millionen Menschen. 
Jedes Jahr.
  • Wir wissen das, wir kennen die Zahlen. 
Der Hunger ist, so heißt es, das größte lösbare Problem der Welt.
  • Es sieht aber nicht so aus, als würden wir es in absehbarer Zeit lösen
Und das ist eine Schande.

http://harmagedon.com.ar/X/Newsletter/NEWSLETTER%20Monat/WEG%20ARTIKEL%202005/WEG%20Artikel%205.4.4-Dateien/image007.jpg

Fünf Jahre hat Martín Caparrós den ganzen Globus bereist, um diese Schande zu kartografieren:
  • Er war in Niger, wo der Hunger so aussieht, wie wir ihn uns vorstellen; 
  • in Indien, wo mehr Menschen hungern als in jedem anderen Land; 
  • in den USA, wo jeder Sechste Probleme hat, sich ausreichend zu ernähren, während jeder Dritte unter Fettleibigkeit leidet; 
  • in Argentinien, wo Nahrungsmittel für 300 Millionen Menschen produziert werden, obwohl sich viele Bürger kein Fleisch mehr leisten können. 
Am Ende dieser Reise steht ein einzigartiges Buch:
  • Großreportage, 
  • Geschichtsschreibung 
und
  • wütendes Manifest. 
Der Hunger, so Caparrós, ist keine Naturkatastrophe, die schicksalhaft über die Menschen hereinbricht.
  • Der Hunger ist der krasseste Ausdruck der gigantischen sozialen Ungleichheit in einer Welt, in der das reichste Prozent mehr besitzt als alle anderen zusammen.
 http://www.protestantisch.org/Bilder/biokraftstoff3.jpg
protestantisch.org

INHALT

Die Anfänge

1

Drei Frauen waren um das Krankenlager versammelt: Großmutter, Mutter, Tante. Ich hatte eine Weile zugesehen, wie Mutter und Tante langsam die beiden Plastikteller, die drei Löffel, den rußigen Topf, den grünen Eimer zusammenpackten und alles der Großmutter übergaben. Die beiben nahmen die Decke, legten zwei, drei Hemdchen, ihren übrigen Habseligkeiten hinein und schnürten ein Bündel, das die Tante sich auf den Kopf setzte. 

Doch als die Tante sich über das Lager beugte, den Kleinen hochhob, ihn befremdet, ungläubig ansah und ihn auf den Rücken der Mutter auf den Rücken legte, so wie Kinder in Afrika gewöhnlich auf den Rücken ihrer Mütter gelegt werden - die Beine und Arme und Beine gespreizt, die Brust gegen den Rücken gepresst, das Gesicht zur Seite gedreht - und ihn mit einem Tuch festband, brach es mir das Herz. Der Kleine war an seinem angestammten Platz, bereit für den Heimweg, tot.

http://dioezese-linzold.at/redaktion/data/redaktion/augustsammlung.jpg
dioezese-linzold.at

Es war nicht heißer als sonst auch.

Ich glaube, hier hat dieses Buch seinen Anfang genommen, in einem Dorf in der Nähe, irgendwo in Niger.
Ich saß mit Aisha auf einer Siasalmatte vor der Tür ihres Hauses, schweißtreibende Mittagshitze, staubtrockener Boden, der Schatten eines dürren Baumes, das Geschrei der herumtollenden Kinder, und als sie mir von der Kugel Hirsebrei berichtete, die sie jeden Tag aß, und ich fragte, ob sie tatsächlich jeden Tag eine Kugel Hirsebrei esse, prallten unsere Kulturen zum ersten Mal aufeinander.

http://de.wfp.org/sites/default/files/u68/wfp_rein_skullerud.jpg
wfp.org

"An jedem Tag, an dem es dafür reicht." Sagte sie und senkte beschämend den Blick; ich fühlte mich wie ein Idiot. Wir sprachen weiter über Nahrung oder besser gesagt, den Mangel an derselben, und ich war in all meiner Naivität zum ersten Mal mit dem Hunger in seiner extremsten Form konfrontriert. Nach zwei überaus aufschlussreichen Stunden fragte ich sie - diese Frage würde ich später noch oft stellen -, was sie sich wünschen würde, wenn ein Zauberer käme, der jeder ihr jeden Wunsch erfüllen könnte, ganz gleich welchen.

Aisha überlegte, als hätte sie sich diese Frage noch nie gestellt. Sie war Anfang, Mitte dreißig, hatte eine Adlernase und traurige Augen, der übrige Körper war von fliederfarbenem Stoff bedeckt.

"Ich wünsche mir eine Kuh, die viel Milch gibt. Die würde ich dann verkaufen, von dem Geld könnte ich Krapfen machen und sie auf dem Markt anbieten. So kämen wir halbwegs über die Runden."
  • "Nein, so meinte ich das nicht. Der Zauberer könnte Dir jeden Wunsch erfüllten, egal welchen. Also, um was würdest ihn bitten ?"
"Wirklich jeden ?"
  • "Aber ja."
"Zwei Kühe vielleicht ?" Sagte sie leise und fügt hinzu: "Dann müsste ich nie mehr Hunger leiden."
  • So wenig, dachte ich im ersten Moment. Und doch so viel. 
 https://www.welt.de/img/wirtschaft/mobile134200929/8062503647-ci102l-w1024/Familie-Mutangangeri-vor-Haus-Schwester-6.jpg
welt.de//Afrikas-grosses-Experiment-mit-der-Gratis-Kuh

 2

Wir kennen den Hunger, verspüren ihn zwei- bis dreimal am Tag. Hunger ist das Normalste von der Welt, und doch ist den meisten von uns nichts fremder als echter Hunger.Wir kennen den Hunger, verspüren ihn zwei- bis dreimal am Tag. 
  • Doch zwischen diesem alltäglichen Hunger, der jeden Tag aufs Neue befriedigt wird, und dem verweifelten Hunger derjenigen, die ihm ohnmächtig ausgeliefert sind, liegen Welten.
Der Hunger war seit je die Triebfeder, für gesellschaftlichen Wandel, technischen Fortschritt, Revolutionen, Konterrevolutionen. Nichts hat die Geschichte der Menschheit stärker beeinflusst. 
  • Keine Krankheit, kein Krieg hat mehr Opfer gefordert. 
  • Keine Seuche ist so tödlich und dabei so vermeidbar gewesen wie der Hunger.
Ich habe ja keine Ahnung gehabt.

 [...]
 
http://youtruth.weebly.com/uploads/1/3/1/8/1318459/382649892_orig.jpg

 (Notiz: ... während eines Spaziergangs mit dem Labrador, mich mit einem Rentner unterhalten, der nach dem Krieg von "Ostdeutschland" über das Ruhrgebiet in den Südwesten Deutschlands kam und sich eine gute Existenz aufbauen konnte. Doch in letzter Zeit wacht er vermehrt nachts auf in Erinnerung an die schlimmen Nachkriegszeiten ... es war der Hunger der ihn gequält hatte, und wovon er in letzter Zeit immer öfters träumt und davon aufwacht ...)

[...]

Hunger als punktuelle, erbarmungslose Katastrophe gibt es nur im Zusammenhang mit Kriegen oder Naturkatastrophen. Doch es bleibt all das, was sich nicht so leicht zeigen lässt:
  • Die Abermillionen Menschen, die nicht ausreichend essen - und die darunter leiden und dabei draufgehen.
Der Eisberg, über den dieses Buch berichten und nachdenken will.

[...]

http://cdn.builtlean.com/wp-content/uploads/2012/11/hunger-hormones.jpg

Ich will damit sagen, ja, wie soll ich es ausdrücken, mein freundlicher, wohlwollender, ein wenig zerstreuter Leser:
  • Können Sie sich sich vorstellen, was es heißt, nicht zu wissen, was man am nächsten Tag essen soll ?
  • Können Sie sich ein Leben vorstellen, in dem Sie jeden Tag aufs Neue fragen, was Sie morgen essen werden ?
Ein Leben, das primär aus dieser Ungewissheit besteht, aus der damit verbundenden Angst, der Frage, wie man Herr werden soll, daraus, an kaum etwas anderes denken zu können, weil jeder Gedanke von diesem Mangel beherrscht ist.
  • Können Sie so ein so eingeschränktes, kurzes, oft äußerst schmerzliches, hart erkämpftes Leben vorstellen ?
Das Schweigen hat viele Formen.

[...]

https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/736x/5e/e3/c1/5ee3c18dbabe6f3d2f28330fe6d32767.jpg
  •  "Der jährliche Hungertod von mehreren zehn Millionen Männern, Frauen und Kindern ist der Skandal unseres Jahrhunderts. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der grenzenlosen Überfluss produziert ... In ihrem augenblicklichen Zustand könnte die Weltlandwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren, was gegenwärtig fast der doppelten Weltbevölkerung entspricht. Insofern ist die Situation alles andere als unabwendbar.  
Ein Kind, das an Hunger stirbt
 
wird ermordet"
schreibt Jean Ziegler, der ehemaligen UN-Sonderberichtserstatter für das Recht auf Nahrung, in seinem Buch Wir lassen sie verhungern.

 https://akademieintegra.files.wordpress.com/2012/09/wir_lassen_sie_verhungern.jpg

 [...]


Regieren heißt, die allgemeine Ignoranz auszunutzen, um aus der eigenen das größtmögliche Kapital zu schlagen. 

In diesem Fall ein ausgesprochener unglücklicher Zufall.
  • Niger besteht zu drei Vierteln aus unfruchtbarem Land und quasi Unterboden.
  • Ein paar Kilometer weiter südlich gibt es riesige Erdölvorkommen, aber die gehören zu Nigeria - und die Bewohner auf dieser Seite der Grenze haben kein Recht zu fördern, und hungern.
Es liegt eine gewisse Grausamkeit in diesen Zufallsgebieten, die wir Länder nennen und die, so redet man uns ein, unser Ureigenstes sind, das wir von ganzem Herzen lieben und mit unserem Leben verteidigen sollen.

 [...]


Das Wort "Sahel" bedeutet Küste - Küste der Sahara. Es ist ein wüstenähnliches, flaches Gebiet, in dem einst einige der mächtigsten Reiche Afrikas prosperierten:
  • zum Beispiel im 14. Jahrhundert, als die Herrscher von Timbuktu Salz aus der Wüste im Norden gegen Sklaven aus den Urwäldern im Süden tauschten und mit den Erlösen einer der größten Städte ihrer Zeit erbauten.  
 http://www.stepmap.de/landkarte/sahelzone-afrika-1513367.png
 stepmap.de
 
Die Sahelzone ist ein etwa 400 km breiter Übergangsraum zwischen Sahara und Dornsavanne bis zu den feuchten Savannengebieten des Sudan in Afrika. Ihre Ost-West-Ausdehnung beträgt 5000 km. Sie reicht von der Atlantikküste im Westen bis an den Nil im Osten.

Heute umfasst die Sahelzone neben Niger Teile von
  • Senegal,
  • Algerien,
  • Mali,
  • Burkina Faso,
  • Nigeria
  • Tschad, 
  • Sudan,
  • Äthopien,
  • Eritrea
und
  • Somalia.
 http://cdn4.spiegel.de/images/image-363723-galleryV9-oftu-363723.jpg

Mehr als fünf Millionen Quadratkilometer,
  • fünfzig Millionen Menschen,
  • dürres Vieh,
  • spärlicher Ackerbau,
  • wenig Industrie,
  • kaum Infrastruktur.
Dafür werden immer neue Rohstoffvorkommen entdeckt und ausgebeutet.

http://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/politik/2999958129/1.2024805/default/die-karte-zeigt-die.jpg 
faz.net//mali-das-sagenhafte-reich-voller-gold-und-bodenschaetze

Die Sahelzone ist zudem das Gebiet, das dem Wort "Notstand" eine neue Bedeutung gab, welches zuvor außergewöhnlichen, unerwarteten Ereignissen vorbehalten war.

In der Sahelzone tritt jedes Jahr im Juni für Millionen von Menschen der Notstand ein: 
  • Sie haben nichts zu essen, eine Hungersnot droht.
  • Und ein Jahr später geschieht genau dasselbe.
  • Und im nächsten und übernächsten genau dasselbe.
 http://images.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-05/afrika-hunger-grafik/afrika-hunger.jpg 
zeit.de//Hunger

 [...]

In der Sahelzone ist der Hunger immer gegenwärtig, aber er wird brutal, wenn die Periode beginnt, die 
  • die Franzosen als soudure
  • die Angelsachsen als hunger gap
bezeichnen und 
  • für die wir im spanischen Sprachraum keine eigene Bezeichnung haben, wozu auch ?
 http://www.cbmswiss.ch/uploads/pics/NEG-10_0045_72dpi_600x450.jpg

Es handelt sich um die Monate
  • in denen die vorherige Ernte aufgebraucht ist 
und 
  • die nächste sich mühsam aus dem kargen Boden kämpft.
http://www.naturkatastrophen.mobi/images/wueste.jpg

Dann 
  • bitten die Regierungen um Hilfe oder auch nicht
  • die internationalen Organisationen warnen vor der Gefahr und entsenden ihre Hilfsgüter oder auch nicht,
  • Millionen von Menschen haben zu essen oder auch nicht,
und hier, im Bezirkskrankenhaus von Madaoua, fünfhundert Kilometer von Niamey entfernt, errichtet das Team von Ärzte ohne Grenzen (MSF) alle paar Tage eine neue Notunterkunft, weil immer mehr unterernährte Kinder eingeliefert werden.

 http://www.jugendeinewelt.at/fileadmin/_processed_/csm_DSC09366_01_8056748b47.jpg

Im Behandlungszentrum für unterernähre Kinder
  •  - dem Centre de rehabilitation et d'educations nutritionnelle, kurz CRNI
mit hundert Betten - befinden sich bereits über dreihundert kleine Patienten, und der Strom reißt nicht ab.
  • Von den rund 90.000 Kindern unter fünf Jahren, die im Distrikt Madaoua leben, wurden im letzten Jahr 21.000 wegen Unterernährung in diesem Zentrum und seinen Ablegern behandelt: 
  • fast ein Viertel.
Dort sind in der letzten Woche 59 Kinder verhungert oder an hungerbedingten Krankheiten gestorben.

 https://www.news.at/_storage/asset/1075617/storage/newsat:key-visual/file/12376580/hungerkatastrophe-die-hoelle-erden-326197_e.jpg
news.at//hungerkatastrophe-die-hoelle-erden

[...]

"Hunger" ist ein erbärmliches Wort.
  • Viertklassige Dichter, 
  • politische Hinterbänkler 
und 
  • alle möglichen leichtfertigen Schreiberlinge
haben das Wort so inflationär verwendet, dass es verboten gehört.Doch stattdessen hat man es neutralisiert.
  • "Der Hunger in der Welt"
wie in 
  • "Was wollen Sie, den Hunger in der Welt abschaffen?"
ist nur mehr eine Phrase, ein Gemeinplatz, ein fast schon sarkastischer Ausdruck, um bestimmte Bestrebungen ins Lächerliche zu ziehen.
  • Die Sache mit diesen abgenutzten, durch gedankenlosen Gebrauch abgeschliffenen Begriffen ist, dass man sie eines Tages plötzlich mit neuen Augen sieht, und dann zünden sie.
 [...]

https://netzfrauen.org/wp-content/uploads/2013/10/Ziegler.jpg
netzfrauen.org//lebensmittel-monopoly-und-verschwendung

Fachbegriffe haben einen Vorteil:
  • Sie wecken keine Emotionen.
Manche Worte tun das; 
  • viele nicht.
Die Bürokraten - und die Institutionen für die sie arbeiten - ziehen Letzteres vor. 


Sie sprechen von
  • "Mangelernährung",
  • "Unterversorgung",
  • "Nahrungsunsicherheit".
Die Begriffe verschwimmen und verstellen dem Leser den Blick.Ich möchte vorab klarstellen, was ich meine, wenn ich vom Hunger spreche - oder es zumindestens versuchen.

 Wir essen Sonnenlicht.

https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEjI74QpBF2yYIE_hBIg6r63Rz4MZDQxsRCgyty10cGgr7VuqgNw38H93Y-n7idcTWOW3u8ES26zFIXlVGdMsVDOCn_ytRRQdTAEPwogCdlr9mNNvOrjor6AI3YJ5QgL_jMSf68I31aG5sc/s1600/CO2-PflanzeSonne_300x200.png

 Sonnenlicht, 

einige mehr, andere weniger.

 http://images.derstandard.at/2013/10/14/1381383639412-WHI-nach-Schweregrad.jpg

(Notiz: ... wir leben also hier fein geschützt durch einen grenzüberschreitenden Militärisch-Industriellen-Komplex und wohl ernährt durch wirtschafts-politisch protektierte Konzerne, die uns mit den tausenden Rohstoffen anderer versorgen, die ihrerseits täglich um ihren Anteil betrogen und bestohlen werden ... die Sonne scheint für alle, doch die Früchte sind ungerecht verteilt, für Millionen leidvoll bis tödlich ...  

 Der Aufkauf von Land und Boden 
konzentriert sich auf die schwächsten Länder

http://www.weltagrarbericht.de/fileadmin/_processed_/csm_KarteLandgrabbingohneHaupttitel_6814766dfe.png

Der Hunger hat demzufolge zwei Bedeutungen: 

 essentielle,
physiologische,
 natürliche Erscheinung 

+

Ergebnis von
global, international,
kollekiv wirtschafts-politisch, 
kriminellen Unterlassungshandlungen

 https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/736x/98/2d/16/982d16371aeba108e557c138051588f3.jpg
pinterest.com

(Notiz: ... es spielt schon seit Jahrzehnten keine Rolle mehr, wer oben an der Spitze eines "Tiefen Staates" als die größten Ignoranten, Illusionisten und Wortverdreher sein Ding macht, es ist das wirtschafts-politische System, das den Militärisch Industriellen Komplex, den Konzernen, Banken und Vermögenden alle Freiheiten überlässt, und in letzter Konsequenz

Menschen aus der Unfreiheit  

und dem Hunger  

zur Flucht zwingt

(kongo-kinshasa.de)

http://land-grabbing.de/typo3temp/pics/e4445b66f2.jpg

Wer das mittlerweile immer noch nicht verstanden hat, will es auch nicht verstehen bzw. akzeptieren ... der hat auch nicht verstanden, dass im Zuge des großen Landraubs sprich "Land grabbing" Menschen von ihrem angestammten Platz, Heimat und Boden von Konzernen und Militärs gewaltsam vertrieben werden und fortan zu den Ärmsten der Armen gehören, sozusagen von heute auf morgen mit Nichts stehen sie da.

 https://wissenschaftundschreie.files.wordpress.com/2012/05/landerwerb_weltweit_theinternationallandcoalitionilc_landtenure-info_ccby-nc-sa3-0_cyberling_wissenschaftundschreie.png

Wir konsumieren die von den Konzernen und Banken gestohlenenen und geraubten Güter  
  • => der Konsument ist sozusagen der Hehler, der dem Dieb das Diebesgut abkauft und auf keinen Fall wissen will, von vom das Produkt stammt.
Es ist juristisch ein höchst widersinniger, fragwürdiger und de facto ein unmoralischer, krimineller Wirstchaftskreislauf ...)


[...]

Essen heißt Sonne tanken.
  • Essen - Nahrung zu sich nehmen - heißt sich mit Sonnenenergie versorgen.
Ununterbrochen kommen Photonen auf die Erde an:
  • Durch einen wundersamen Prozess namens Photosynthese fangen die Pflanzen sie auf und verwandeln sie in verdaubares Material.
Helmontversuch (5-Jahresexperiment):

 Wie ernähren sich Tiere, wie ernähren sich Pflanzen ?

 https://lehrerfortbildung-bw.de/u_matnatech/bio/gym/bp2004/fb7/2_foto/2_pflanzen2/3_tier/pix/helmontversuch.png

Zehn Prozent der Landfläche unseres Planeten, etwas fünfzehn Millionen Quadratkilometer,
  • etwa ein Viertelhektar für jeden Menschen 
stehen als Ackerland dafür bereit,
  • Pflanzen wachsen und gedeihen zu lassen, die das Chlorophyll produzieren, 
  • das die elektrische Energie der Sonne in chemische Energie umwandelt,
  • durch welche das das Kohlendioxid der Atmosphäre und das Wasser der Pflanzen in Sauerstoff und Kohlenhydrate umgewandelt werden.
Alles, was wir essen, sind letztlich direkt oder indirekt - über das Fleisch der Tiere, die ihrerseits Pflanzen verzehren - von der Sonne aufgeladene Pflanzenfasern.
Viele Bauern können die Pacht nicht mehr zahlen.

 http://ais.badische-zeitung.de/piece/05/db/15/38/98243896.gif

Wir brauchen diese Energie, um uns zu erholen und unsere Kräfte zu erneueren.
  • Zugeführt wird sie dem Körper über Fette, Proteine, Kohlenhydrate, in flüssiger und fester Form.
Damit man weiß, wie viel Energie dem Körper zugeführt wird, gibt es eine Maßeinheit: die Kalorie.
  • Die Physik definiert eine Kalorie als die Energiemenge, die benötigt wird, um ein Gramm Wasser um ein Grad zu erwärmen.
  • (Notiz: ... bei Zimmertemperatur von 20 auf 21°C ...)
Um funktionstüchtig zu sein, benötigt ein Körper große Mengen an Energie, deshalb misst man den Verbrauch in Tausendereinheiten, in Kilokalorien.

So nehmen Sie erfolgreich ab 
 
 http://www.fitforfun.de/files/images/200806/0/grundumsatz,19885_m_n.jpg

Der Kalorienbedarf eines Menschen hängt vom Alter und von den Lebensumständen. Grosso modo rechnet man
  • für einen Säugling unter einem Jahr mit einem Bedarf von 700 Kilokalorien täglich, 
  • für ein Kleinkind bis zwei Jahre 1.000 und bis zum fünften Lebensjahr 1.600 Kilokalorien, 
abhängig vom Körperbau, Klima und Beruf.

Kalorienwert für Katzensnacks
 
 http://www.petsnature.de/info/images/katzenratgeber/kalorientab.jpg

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann ein Erwachsener, der nicht mindestens 2.700 Kilokalorien zu sich nimmt, seinen Energieverbrauch nicht wieder ausgleichen kann,

40% unterernährte Kinder in Nordkorea
 
 http://www.haz.de/var/storage/images/haz/nachrichten/politik/fotostrecken-politik/nordkorea-zwischen-propaganda-und-alltag/koreanisches-kind/37115562-1-ger-DE/Koreanisches-Kind_FullView.jpg

sprich: 
 
er ist unterernährt.
 
 http://www.pressestelle.tu-berlin.de/fileadmin/a70100710/Fotos/TU_intern/2010/Januar/10_AfrikaLogistik_Grafik.jpg

Das ist nur ein Durchschnittswert - eine Richtschnur -, aber er ist für das Verständnis des Gesamtbildes hilfreich.
  • Ein Erwachsener, der weniger als 2.200 Kilokalorien täglich zu sich nimmt, hungert.
  • Ein kleines Kind, das nicht, je nach Alter seine 700 oder 1.000 Kilokalorien bekommt, hungert.
Hunger ist ein Prozess, ein Kampf des Körpers gegen den Körper.

http://cdn3.spiegel.de/images/image-504826-galleryV9-hrcj-504826.jpg

[...]

Ai denkt nach, viel. Ai 
  • hatte noch nie noch ausreichend zu essen, 
  • sie war noch nie in einer Stadt,
  • sie hatte noch nie elektrisches Licht, fließendes Wasser, einen Gasherd oder eine Toilette,
  • sie hat noch nie ein Kind in einem Krankenhaus zur Welt gebracht,
  • nie eine Fernsehsendung gesehen,
  • sie hat noch nie Hosen getragen,
  • noch nie eine Uhr oder ein Bett besessen,
  • sie hat noch nie ein Buch gelesen oder eine Zeitung,
  • hat noch nie einen Beitrag gezahlt, eine Coca-Cola getrunken, eine Pizza gegessen, 
  • noch nie Zukunftspläne geschmiedet,
  • noch nie daran gedacht, dass ihr Leben anders sein könnte.
Sie hat noch nie daran gedacht, dass es ein Leben für sie geben könnte, in dem sie sich nicht die Frage stellen muss, ob sie morgen auch etwas zu essen hat.

Wo der Hunger beginnt,
da endet die Menschlichkeit
 
 http://www.schnittberichte.com/news/pics/hunger.jpg
schnittberichte.com

3

Einer der bevorzugten Tricks der Berichte über den Hunger besteht darin - wenn sich das Wort nicht vermeiden lässt -, von einem unpersönlichen, nahezu abstrakten Hunger zu sprechen.

Der Hunger als eigenständiges Subjekt
  • Gegen den Hunger kämpfen.
  • Den Hunger eindämmen.
  • Die Geißel des Hungers.
Doch der Hunger existiert nicht außerhalb der Menschen, die ihn erleiden
  • Das Thema ist nicht der Hunger; es geht um eben diese Menschen.
[...]

Am Ende verwandeln sich die Probleme von Milliarden Menschen in einen Text, den nur Eingeweihte verstehen, während die Mehrheit nicht begreift, worum es geht. 

Kurz:

Die Sprache der Bürokraten funktioniert wie eine

Schranke gegen das allgemeine Wissen

auf das es eigentlich ankommt.
 
 http://www.ulrich-kern.de/wp-content/uploads/2016/05/Beispielhafte-Strukturierungskategorien.jpg


(Notiz: ... das ist auch der Grund, warum ich persönlich selten in die Kirche gehe, kaum noch Nachrichten im Fernsehen schaue und keine volksverdummenden Marionetten und Wirtschaftsvertreter mehr  wählen gehe 
  • => sie predigten Wasser und tranken Wein:
sie alle, die Religionen, die Wirtschaftspolitik und Mainstream-Medien ...)

http://scontent.cdninstagram.com/t51.2885-15/s480x480/e35/12345977_743469242424456_1414829003_n.jpg?ig_cache_key=MTE0MzgzNDA5MjE2MDczMjg4Mw%3D%3D.2
mgrum.net//hungerzone

Niger:
Strukturen des Hungers

Vom Hunger I:
Der Ursprung der Arten

Indien:
Die Tradition

Kalkutta

Bieraul

Chandigarh

Vrindavan

Delhi

Bombay

Vom Hunger II:
Menschengemacht

Bangladesch:
Wie der Hunger benutzt wird

Vom Hunger III:
Schon wieder Suppe

USA:
Das große Geld

Vom Hunger IV:
Milde Gaben

Südsudan:
Das letzte Land

Vom Hunger IV:
Eine Metapher

Zum Schluss

Dank

Für den Fall,
dass jemand noch mehr lesen will

http://gutezitate.com/zitate-bilder/zitat-anders-gesagt-hunger-seuchen-durst-und-andere-armutsbedingte-lokalkonflikte-zerstoren-jedes-jean-ziegler-136839.jpg
gutezitate.com

* * * *

(... keine Politik ist wählbar, die nicht das Verbrechen der Militärs, Konzerne und Banken bekämpft und ihre perverse und  menschenverachtende Politik bricht:
  • ... dies ist das Zeitalter "Friss oder stirb" ... 
Wieder angekommen in den Zeiten und Zuständen des Feudalismus und Kolonialismus.

Der Reichtum, das Wunder der besten Versorgung und das Jammern auf höchstem Niveau liegt bei näherer und fairer Betrachtung einem "kapitalen" Verbrechen zugrunde - der Ausbeutung von Milliarden von Menschen und Gemeinschaften in strukturschwachen Regionen und Ländern.

Ein Mensch, eine Gemeinschaft, ein Volk, das hungert, ist schutzlos ausgeliefert: 
  • er und es wird zum Spielball derjenigen, die auf einen Eroberungs- und Raubzug unterwegs sind.
(flagcounter)

. . .

Freitag, 10. Februar 2017

Honore de Balzac - Die Menschliche Komödie

entnommen aus:

Balzac. 
 
Sein Leben und Werk

http://www.quote-coyote.com/album/small/Honore-de-Balzac-Fortune-Crime-Quotes.jpg
quote-coyote.com

Gesamtausgabe in zwölf Bänden mit Anmerkung

und biographischen Notizen über die Romangestalten.

SITTENSTUDIEN

Szenen aus dem Privatleben
 
Szenen aus dem Provinzleben
 
Szenen aus dem Pariser Leben
 
Szenen aus dem politischen Leben
 
Szenen aus dem Soldatenleben
 
Szenen aus dem Landleben

Wilhelm Goldmann Verlag München

(Stadtbücherei: 2 Balz)




von


Zitat:


Am 21. Mai 1850 kamen Honore de Balzac und seine Gattin Evline, verwitwete Gräfin Hanska, nach wochenlanger beschwerlicher Reise von Berditschew in der Ukraine, wo sie in der Kirche St. Barbara getraut worden waren, in Paris an.
  • Balzac, einundfünfzigjährig, war krank, schwer krank.
  • Er hatte unterweg mehrere Erstickungsanfälle erlitten, Symptome eines gefährlichen Herzleidens;
allein sein Wille, dessen theoretischen Ergründung schon während seiner Schulzeit sein erster Essay gegolten hatte -
  • sein Wille, die endlich nach fast zwei Jahrzehnten gewonnene Frau in das Haus in der Rue Fortunee zu führen, das er, neue Schulden auf alte häufend, erworben und mit Möbeln ausgestattet hatte, die er für kostbar hielt - 
palasthaftes Haus seiner Träume -:
  • sein Wille hatte auch diesmal, zum letzten mal obsiegt.
  • Das Haus war erleuchtet wie zu einem Feste.
  • Alles schien zu einem triumphalen Einzug, zu seiner Bewillkommung durch die Zukunft vorbereitet.
Balzacs Mutter, die eigenwillige schwierige Frau, die erst im Alter, jetzt über siebzig, sich dem berühmten Sohn gebeugt und während seiner Russland-Reise, seinen übertriebenen pedantischen Weisungen folgend, ihm sein Haus eingerichtet hatte, war seinem Befehl, alsdann zu verschwinden, sicherlich nachgekommen, und damit war die Vergangenheit ausgetrieben.
  • Das Haus strahlte aus allen Fenstern aller drei Stockwerke.
  • Aber trotz immer heftigerem Klopfen wurde nicht geöffnet, und aus dem Innern erschollen befremdliche Geräusche.
Der Diener Francois war plötzlich irrsinnig geworden und hatte die Tür verrammelt.
  • Sie musste aufgebrochen werden, der Diener noch in derselben Nacht in eine Anstalt gebracht werden.
Der erschöpfte Balzac legte sich und stand nicht wieder auf.
  • Ein Vierteljahr später war er tot.
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e6/Honor%C3%A9_de_Balzac_(1842)_Detail.jpg

Balzac: ein untersetzter, beleibter Mann mit
  • runden Schultern
  • tatzigen Händen
auf stämmigen Hals einen Rundkopf tragend, dessen fast schwarzer, gescheitelter Haarschwall nach den Seiten und nach hinten niederfällt;
  • mit knolliger Nase, deren Nüstern breit und rot sind, deren Rücken eingesunken ist;
  • mit feisten, vor Gesundheit strotzenden Backen
  • Doppelkinn
  • gestutztem hellbraunem Schnurbart über wulstigen, sinnlichen Lippen;
zugleich aber
  • mit einer machtvoll gewölbten Stirn
und gelb funkelnden Augen  voll 
  • Glut und Güte
  • voll Wissen
  • Willen
  • Festigkeit
und 
  • verhaltener Trauer;

unaufhörlich redende, in einem sonderbaren Gemisch von
  • eindringlicher Besonnenheit
 und
  • launisch-burleskem Überschwang
sofern er nicht sein herzhaftes, kollerndes, von  
  • Überlegenheit
und
  • bezwungenem Schmerz 
durchwittertes Lachen lacht -:
  • für den tiefer blickenden ein Mönch oder Krieger;
  • für den Oberflächlichen (wären nur nicht Stirn und Augen das befremdliche Gehaben !) 
ein zu Geld gelangter Weinbauer oder handwerkender Kleinbürger, der sich mit einer ihm nicht gemäßen Eleganz in der großen Welt bewegt -: 
  • so etwa hat man sich die äußere Erscheinung des Romanciers Honore de Balzac vorzustellen, des Schöpfers der Comedie Humaine, der >Menschlichen Komödie<, einer der kühnsten und großartigsten Konzeptionen schaffenden Menschengeistes.
Rainer Maria Rilke hat alsdann das Werk des Plastikers ins Wort umgesetzt:
  • Eine breite ausschweifende Gestalt, die an des Mantels Fall all ihre Schwere verliert.
Auf den starken Nacken stemmt sich das Haar, und in das Haar zurückgelehnt liegt ein Gesicht, schauend, im Rausche des Schauens, schäumend vom Schaffen:
  • das Gesicht eines Elementes.
Das ist Balzac in der Fruchtbarkeit seines Überflusses,
  •  der Gründer von Generationen,
  • der Verschwender von Schicksalen.
Das ist der Mann, dessen Augen keiner Dinge bedurften;
  • wäre die Welt leer gewesen, seine Blicke hätten sie eingerichtet.
Das ist der, der durch sagenhafte Silberminen reich werden wollte und glücklich durch die Fremde.
Das ist das Schaffen selbst, das sich der Form Balzacs bedient, um zu erscheinen; des Schaffens
  • Überhebung,
  • Hochmut,
  • Taumel
und
  • Trunkenheit.
 [...]
Balzac war der des Kräfteverschleißes nicht achtende Galeerensklave seines Werks und zugleich dessen imperatorischer Beherrscher:
  • Realist,
  • Romantiker
und
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Balzac war der Gestalter
  • von 74 Romanen,
  • einer großen Anzahl von Novellen,
  • mehrerer Bühnenstücke,
und

einer Fülle journalistischer, essayistischer und kritischer Schriften.

[...]
Was aber wollte er erreichen ? Er scheiterte wie der Kaiser, fast im Hafen.
  • Jene Rückreise aus der Ukraine nach Paris, nach der Trauung mit Madame Hanska, ist dem Rückzug von Moskau im Winter 1812 zu vergleichen, tragisches Unterliegen nach dem Triumph.
Balzacs Ende vor der Vollendung seines Werks, vor der endgültigen Verwirklichung seines Lebens- und Liebestraums hat seine Ursache nicht nur darin, dass
  • er in jahrzehntelanger Fron seinen Körper zugrunde gerichtet,
  • seine Kräfte bei literarischer Zwangsarbeit verbraucht hatte,
und auch nicht darin, dass
  • er sich, nun die Hanska, ein üppiges, alterndes, verwöhntes, träges, sinnliches und mit dem Übersinnlichen spielendes Weibchen, endlich heimführte,
ein wenig vorkommen musste wie Voltaires enttäuschter Candid, nach der Wiederbegegnung in Konstantinopel mit der alt, hässlich und zänkisch gewordenen Kunigunde.

Dass er seinen ungeheuren Plan nicht bis zum Ende durchzuführen vermochte, beruhte auch 
  • nicht auf der stofflich-materiellen und geistigen Unvollendbarkeit jenes Vorhabens
und
  • nicht auf dem Verrat, den er an seinem Werk beging, indem er sich einer im Grunde grotesken Liebesleidenschaft zu einer und nie wahrhaft Gekannten, wahrhaft anbefahl,
einer Leidenschaft, die einem Phantom galt, die ihn indessen aushöhlte und schließlich seine Schaffenskraft lähmte.

Die wahre Ursache seines Versagens, seines Erlöschens vor der Zeit ist vielmehr in dem Phänomen zu suchen, dass es ihm letztlich gar nicht um sein Werk, um seine künstlerische Leistung ging.
  • Sie sollte ihm, der über sein Werk stets die Liebe und über die Liebe stets das Leben gestellt hat, lediglich Mittel sein, Mittel auf dem Weg zu Reichtum, Ruhm, Macht, zu etwas, das jenseits ihrer lag;
etwas, das er selber wahrscheinlich so wenig hätte klar im Wort umreißen und formulieren können wie Napoleon das ihm jenseits seiner Kriege vorschwebende Ziel.

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[...]

Balzac plante nicht Geringeres, als mittel einer Vielzahl teils mehr, teil weniger locker untereinander verknüpfter Romane und Erzählungen, deren Gesamt ein einziges, riesiges Werk ergibt, ein Bild der Gesellschaft seiner Zeit und, darin und darüber hinaus ein Bild der Menschheit zu gestalten, das auf mannigfaltigen Schauplätzen zu
  • Individuen und Typen,
  • Höhen und Tiefen,
  • Helligkeit und Verbrechen,
  • Schuld und Sühne,
  • Edelsinn und Niedertracht,
  • Wichtiges und Nichtiges,
  • gesellschaftliche Schichtungen,
  • Antriebe und Ziele,
  • Vergangenes und Gegenwärtiges
in sich begreift, wobei
  • frei schaltende Gestaltung und kühl-kühne denkerische Durchdringung
  • beschwingte Kraft der Erfindung menschlicher Schicksale 
und
  • sachlicher Beobachtung nach Art der Naturwissenschaftler 
in gleicher Weise mitzuwirken hatte.



Sofern der heutige Betrachter - um Wissen um Balzacs Nachfolge, um die großen Romanzyklen etwa, die um Balzacs Nachfolge, um die großen Romanzyklen etwa die
  • Emile Zola,
  • Marcel Proust,
  • Roger Martin du Gard,
  • Jules Romains
seither geschaffen haben -

Balzacs Unterfangen unabhängig vom literarischen Wert, von der ausdauernden Lebendigkeit seiner Gestaltungen weniger hoch einschätzte, als des Autors Zeit- und Zukunftsgenossen es taten,
  • so möge er sich vergegenwärtigen, dass Balzac der erste gewesen ist, der im Artistischen und Gehaltlichen sein Gesamtwerk einer einzigen, umfassenden Idee untergeordnet hat.
[...]

11

Ungeachtet der Spärlichkeit autobiographischer Züge im engeren Sinne spürt man den fast hundert umfangreichen Romanen und den Novellen, die Balzac während seines verhältnismäßig kurzen Lebens geschrieben hat, immerfort die Persönlichkeit des großen Gestalters - so wie man Gott in der Schöpfung spürt, unsichtbar und allgegenwärtig.
  • Zugleich aber spürt man in der ungeheuren Einheit von Balzacs Werk den Einklang zwischen dem Gestalter, dem Gestalteten und seiner gärenden, drängenden, ins Künftige weisenden Zeit.
Dieser Einklang ist es, der, als Möglichkeit erahnt, sich dem Rückschauendem, dem Nacherlebenden als ein eminent künstlerisches Moment mitteilt.

Man geht schwerlich fehl, wenn man in der französischen Entwicklung vom Ausbruch der Großen Revolution an bis gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts die europäische Gesamtentwicklung konzentriert gespiegelt sieht.
  • Die Ideen, nach denen Europa sich formte und noch formt, sind in Frankreich geboren worden und haben dort ihre erste Verwirklichung erfahren.
Die Zeit, da Balzac lebte und schuf, ist von einer unglaublichen Bewegtheit und Mannigfaltigkeit, einem beklemmenden Reichtum an Geschehnissen, Gestalten und zukunftsweisenden Möglichkeiten.

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Das nun aber lässt es dem Rückschauenden und um ihre Ordnung und Gliederung Bemühten als doppelt erstaunlich erscheinen, dass ein Damaliger mittels der Erfassung einer unendlichen Fülle von Einzelzügen sie nachzugestalten und zu deuten unternommen hat.

Der abgesplitterte Teil eines Kristalls zeigt die gleichen Eigenheiten wie das Ganze, davon er stammt genauso weist jede von Balzacs Schöpfung, reduziert auf
  • das Individuelle der Einzelgestaltung,
  • die Eigenheiten des Gesamtwerks
und
  • der Zeit auf, die sie spiegeln, versinnbildlichen und auslegen soll.


Jedes einzelne seiner Werke lässt somit auch die eigentümliche geistige Grundhaltung des Autors deutlich werden, der zwischen Romantik und Realismus steht, keinem beiden zugehörig;
  • der die Elemente beider Stilperioden in sich und seinem Werk vereinigt und in Leben und Kunst sich als ein Romantiker der Wirklichkeit enthüllt.
Gemeinsam mit seiner Zeit ist ihm der Heißhunger nach
  • Ruhm, Macht, Geld und außerordentlicher Leistung 
sowie
  • der Drang zur Selbstverherrlichung
und
  • die Gefahr des Abgleitens in Maßlosigkeit;
gemeinsam
  • der Trieb nach wissenschaftlicher Durchdringung der Erscheinungswelt
  • das Suchen nach Gesetzen im scheinbar Gesetzlosen.
Noch war die Leiche von Balzacs Witwe nicht aus dem Haus geschafft worden, als die Gläubiger eindrangen und sich plündernd auf alles stürzten, was ihrer Meinung nach Wert besaß.

Ohne daß Evas 1881 verwitwete Tochter eingriff oder eingreifen konnte, wurde der handschriftliche Nachlass, wurden
  • Manuskripte,
  • Entwürfe
und
  • Briefe
auf den Fußboden oder zum Fenster hinaus auf die Straße geworfen, und die Ladeninhaber des Stadtviertels liefen herbei, das sie auf diese Weise zu billigem Einwickelpapier kamen.

Doch auch der Balzac-Verehrer Baron Spoelberch de Lovenjoul fand sich ein.
  • Er traf einen Schuster in dessen gegenüberliegendem Werkstatt dabei, daß ein Blatt von Balzacs erstem Brief an die >Fremde< zum Fidibus zusammenkniffte, um sich damit die Pfeife anzustecken.
Lovenjoul bezahlte es und hetzte den Schuster und später noch andere auf die Spur.
  • Innerhalb weniger Tage gelang es, ein paar hundert Briefe, Entwürfe und Romananfänge aufzustöbern, die zum Teil bereits zu Tüten geklebt oder zu Einwickelpapier zerschnitten worden waren.
Es war eine jämmerliche und zugleich erheiternde Jagd;
  • denn oftmals wurden Teile von Briefen in verschiedenen Geschäften entdeckt und ließen sich dann zusammenfügen.
Balzacs Köchin hatte davon erfahren und ein ganzes Konvolut von Briefen beiseite geschafft, das gegen teures Geld zu verkaufen sie sich erst nach Jahren bereit fand.
  • Auf diese Weise wurde der größte Teil von Balzacs schriftstellerischem Nachlass gerettet; auf diese Weise blieben seine Briefe an die >Fremde< erhalten.
Lovenjoul meinte, eine reguläre Versteigerung allein des literarischen Nachlasses hätte mindestens einen Erlös von hundertausend Francs erbracht;
  • was sich an Gemälden, Möbeln und Gegenständen unterschiedlichen Werts fand, wurde im Hotel Drouot öffentlich versteigert.
Spoelberch de Lovenjoul hat der Prinzessin Mathilde Bonaparte und Edmond de Goncourt am 1. Mai 1889 launig und anschaulich diese Vorfälle berichtet ...

(Notiz: ... das Ganze erinnert an Mozarts Feststellung, nachdem er der Meinung war, zu wenig für seine Werke erhalten zu haben:
  • "Die Menschen wissen ein Genie nicht zu schätzen".
Weiterhin fällt auf, dass viele Werke und Produktionen von Dichtern und Künstlern erst nach ihrem Ableben im Wert gestiegen sind, manchmal in gigantische Summen.
  • Da würde sich so manch verstorbene Kreative im Grab umdrehen, wenn er feststellt, dass seine Mühen erst nach seinem Tod belohnt werden, für das er sich jetzt nichts mehr kaufen kann.
Im Gegenteil:
  • die heutige Vermarktung insbesondere von Kunstgegenständen und Gemälden ist geradezu pervers, und ist zugleich Hohn und Spott für diejenigen, die es produziert und u.U. zeitlebens am Hungertuch genagt haben ...)
* * * *

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Zitat:

Die menschliche Komödie (frz. La Comédie humaine) ist der Titel, den Honoré de Balzac (1799–1850) – in Anspielung auf Dantes Göttliche Komödie – im Jahre 1842 seinem Romanwerk gab.
  • Thema dieses Romanwerks ist die französische Gesellschaft in der Zeit der konservativ-monarchistischen Restauration.
Die menschliche Komödie umfasst
  • sowohl Essays
  • als auch realistische Romane,
  • Kurzgeschichten,
  • Erzählungen,
  • 25 unvollendete Werke
  • aber auch 8 Frühwerke, die zwischen 1822 und 1825 verfasst wurden.  


Bis zu seinem Tod vollendet Balzac 91 des auf 137 Romane und Erzählungen angelegten Gesamtwerks.
  • Balzac verbindet die Einzelromane zu einem komplexen System, im Rahmen dessen die Personen von Roman zu Roman immer wieder in Erscheinung treten.
Mit dieser literarischen Innovation will Balzac ein umfassendes (Sitten-)Gemälde der französischen Gesellschaft der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwerfen:
  •  „Die Unermeßlichkeit eines Planes, der zugleich die Geschichte und die Kritik der Gesellschaft, die Analyse ihrer Übel und die Erörterung ihrer Prinzipien umfasst, berechtigt mich, so scheint es mir, meinem Werk den Titel zu geben, unter dem es heute erscheint:
Die Menschliche Komödie.“[1]

[...]



Themen der Sendung:
  • Lukrez - De Rerum Natura / Über die Natur der Dinge
  • Honoré de Balzac - Verlorene Illusionen
  • Franz Kafka am Beispiel des neuerschienen dritten Bandes der großen Biographie von Reiner Stach
  • Boris Leonidowitsch Pasternak - Doktor Schiwago
(Bemerkung zu Kafka: ... dass Kafka nicht der ausschließlich "depressiv angehauchte" Schriftsteller war, müsste wohl auch schon vor Jahren jedem Interessierten klar gewesen sein, der hin und wieder "Sekundärliteratur" liest und feststellt, dass Kafka ein Lebemann war ... depressive Phasen stellen sich zwangsläufig bei jedem ein, der meint, dass seine "Taten und Denken" nicht genug bzw. nicht adäquat von der Gesellschaft und seinen Mitmenschen gewürdigt werden, und diesen subjektiv empfundenen Zustand nicht mehr kompensieren kann ...)